Deutschland hat mehr als ein Jahrhundert keine Kolonien mehr. Das koloniale Erbe ist aber trotzdem in manchen deutschen Städten immer noch präsent. Namen von Straßen und Plätzen erinnern noch häufig an die koloniale Zeit. Im Berliner Ortsteil Wedding gibt es sogar ein ganzes Afrikanisches Viertel. Damit wir uns mit diesem Aspekt der deutschen Vergangenheit auseinandersetzen können, hat der DAAD-Freundeskreis Berlin am 2. Oktober 2019 für die Stipendiat*innen einen historischen Stadtspaziergang organisiert.

Ungefähr zwei Stunden lang sind wir zusammen mit Stefan Zollhauser vom Verein Berliner Spurensuche durch den Wedding im Norden Berlins gelaufen und haben über die mehr oder weniger sichtbaren Spuren des Kolonialismus diskutiert. Sollen Namen wie Lüderitzstraße oder Kiautschoustraße und Kleingartenkolonien Samoa oder Togo aus dem Stadtbild verschwinden? Oder soll man sie, wenn möglich, lieber umwidmen? Oder können die alten, kolonial problematischen Namen zwar bleiben, aber mit einer kritischen Erläuterungstafel versehen werden? Für alle Strategien konnten wir Beispiele finden. Jede setzt allerdings voraus, dass man sich des Problems bewusst ist. Und das ist nicht immer der Fall. Bei dem Wedding Pekingplatz weiß beispielsweise kaum jemand mehr, dass sein Name an die Unterdrückung der Boxer-Bewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts erinnert.

Da unsere Gruppe sehr international war, konnten die Teilnehmenden in den zahlreichen Diskussionen auch die Erfahrung aus ihren Heimatländern beisteuern. In manchen werden ähnliche Themen schon länger sehr intensiv geführt, in anderen sind die Auseinandersetzungen mit der kolonialen – oder anderen unangenehmen Kapiteln der Geschichte – erst am Anfang. Auf jeden Fall wissen nach unserem Spaziergang alle Teilnehmenden über Berlin etwas mehr als vorher. Und wenn die Teilnehmenden später durch die Mohrenstraße flanieren oder im Café Fredericks, ursprünglich Lüderitz, einen Cappuccino genießen, werden sie die Namen auf den Schildern nicht mehr als bloße Kulissen wahrnehmen.